Für die Kunst ein Händchen

José Nuevo liebt es, die Menschen zum Staunen zu bringen. Seiner Wahlheimat Salzbrunn hat er schon manchen Stempel aufgedrückt

Der spanische Bildhauer José Nuevo lebt und arbeitet seit acht Jahren in Salzbrunn. Foto: Thomas Lähns
Der spanische Bildhauer José Nuevo lebt und arbeitet seit acht Jahren in Salzbrunn. Foto: Thomas Lähns

Salzbrunn - José Nuevo hat seine Wahlheimat schon manches Mal verzaubert. Im Sommer vor zwei Jahren zum Beispiel hatte er eine metallene Walflosse aus dem Getreidemeer bei Salzbrunn herausragen lassen – und an der Straße Warnschilder aufgestellt: ein Wal im roten Dreieck, als sehe die Straßenverkehrsordnung so etwas tatsächlich vor. Auch vor seinem Grundstück in dem 150-Einwohner-Dorf zücken Vorbeifahrende gern mal den Fotoapparat: Am Gartenzaun lehnt lässig ein Zebra in blauer Latzhose und grinst breit. Der 57-Jährige liebt es, wenn die Leute staunend innehalten und sich dann ein Lächeln auf ihren Gesichtern breitmacht.

 

Vor acht Jahren ist der gebürtige Spanier mit seiner Frau von Berlin aus an die Nieplitz übergesiedelt. Nach wenigen Tagen des Beschnupperns waren sie voll integriert. Heute malt Nuevo unter anderem die Nieplitz-Landschaft, fertigt Portraitbüsten von Nachbarn an oder entwirft Kunst für das Dorf – wie das Logo fürs alljährliche Pfingstreiten. Beim EM-Finale im Juni hatte dafür ganz Salzbrunn beim Gruppengucken im Gemeinschaftshaus der spanischen Elf zugejubelt. Künstler wie José Nuevo gibt es mittlerweile einige in Beelitz. Sie wohnen hier, arbeiten hier – ihre Werke aber müssen sie in Berlin oder Potsdam an den Liebhaber bringen. „Vom Kunstverkauf auf dem Lande kann man nicht leben“, konstatiert der Spanier.

 

Die Stadt will Profis wie ihm und den unzähligen Hobbykünstlern in der Nieplitzregion jetzt ein Podium bieten und einen Kunst- und Kreativmarkt etablieren. Am11. August soll es auf der Festwiese an der Nieplitz das erste Mal so weit sein, 30 Künstler habe man bereits gewinnen können, so André Walden aus dem Beelitzer Tourismus- und Kulturbüro.

 

Beelitz will weg vom antiquierten Bild einer Ackerbürgerstadt. Beelitz will Kunststadt werden. „Es gibt so viel Künstlerisches bei uns“, so Bürgermeister Bernhard Knuth (BBB) mit Verweis auf die historischen Häuserfassaden der Altstadt und die moderne Kunst, wie sie unter dem Dach des Kunstwerk e.V. produziert wird. In diesem Jahr hatte man mit dem Karikaturisten und Bildhauer Lutz Backes ein weiteres Signal gesetzt: Backes hat die Bronzebüste des Spargelpioniers Carl Herrmann im Lustgarten geschaffen, seine Zeichnungen im Rathaus ausgestellt und die Beelitzer karikiert. Zudem plant der Bürgermeister, Bilder von Beelitz – entstanden auf den Staffeleien regionaler Künstler – im Ratssaal aufzuhängen.

 

Mit dem Kunstmarkt an der Nieplitz soll der Funke weiter angefacht werden. Dabei geht es nicht nur um den Verkauf professioneller Werke, wie Bernhard Knuth erläutert: Auch die Beelitzer sollen selbst zum Pinsel greifen und eine riesige Bauplane gestalten, die dann bei den anstehenden Fassadensanierungen im Stadtgebiet Wände verdecken soll. Unterdessen wird José Nuevo eine riesige Installation an der Nieplitz aufbauen. Dabei handelt es sich um vier Stühle, die sich scheinbar frei schwebend um einen Tisch gruppieren. „Vis à vis“ hat er seinen Entwurf dazu genannt – wohl wissend, dass sich bei dieser Anordnung niemand gegenübersitzen könnte.

 

Das Leben steckt voller kleiner Ironien, die José Nuevo gern in seine Arbeiten einfließen lässt. 1955 in einem Dorf bei Madrid geboren, besuchte er mit 20 eine freie Kunstfachschule in der spanischen Hauptstadt. Er studierte danach Bildhauerei und kam 1987 als an die Berliner Universität der Künste. Vom Fenster seiner Westberliner Wohnung aus hatte er einen direkten Blick auf die Mauer – die größte Leinwand der Welt, wie er sagt.

 

Vom Fall der Mauer schwärmt er noch heute, vor allem aus künstlerischer Sicht – persönlich war er vom „antifaschistischen Schutzwall“ als Ausländer weniger betroffen. „Sie wurde immer transparenter. Stück für Stück hat man sie abgetragen und in die Welt transportiert“, erinnert sich der Spanier, der auch selbst am Rückbau mitwirkte. Für die Stadt Berlin entwarf er einen Miniatur-Mauerblock, aus dem Originalstücke herausragten. Das Kunstwerk wurde zum Geschenk unter anderem für Michail Gorbatschow, als er zum Ehrenbürger Berlins ernannt wurde.

 

Eigentlich wollte er mit seiner Frau, einer Deutschen, in jenen Jahren zurück nach Spanien, aber die Zeit in Berlin war zu spannend. So arbeitete er weiter im Atelier in Friedrichshain, bis 2004 die Miete zu teuer wurde und man das Grundstück in Salzbrunn übernahm. „Zuerst wollten wir hier draußen nur im Wohnwagen arbeiten und in Berlin wohnen“, erinnert sich der Neu-Salzbrunner. Wegen des weiten Weges – und weil die Nieplitzregion beiden ans Herz gewachsen war bauten sie ein Haus und zogen komplett her. Um seine Werke zu verkaufen, fährt José Nuevo nach wie vor noch regelmäßig in die Hauptstadt, zum Kunstmarkt am Gendarmenmarkt – aber vielleicht muss ja auch das bald nicht mehr sein.